Den Tod ansehen – Das Museum für Sepulkralkultur Kassel



Er ist eine existenzielle Ausweglosigkeit. Etwas absolutes, das uns alle gleich macht. Der Tod. Und obwohl wir alle mit diesem großen Gleichmacher konfrontiert sind, gehen wir doch so unterschiedlich mit ihm um. Sei es in Bezug auf ein kulturelles Verständnis, auch einhergehend mit verschiedenen Epochen, oder ganz individuell jeder und jede für sich.


Das Museum für Sepulkralkultur in Kassel widmet sich genau diesem Umstand. Dabei nimmt es vor allem den mitteleuropäischen Raum sowie die Zeitalter vom ausgehenden Mittelalter bis heute in den Blick.

Ein Besuch des Museums stand für mich schon seit einer Weile auf dem Plan. Also machte ich mich Ende April auf nach Kassel, während die Blumen und Bäume rundherum bereits sprießten und milde Frühlingsluft das Stadtklima erfüllte. Das Leben erwacht und ich tauche ein in die Welt des Vergänglichen. Eine Welt, die wir oft gern vergessen und die zu anderen Zeiten stärker präsent war. Doch natürlich ist sie immer da - wenn auch nur im Schatten.


Der Tod ist ein Mysterium, das Erklärungen und Wege des Umgangs erfordert. Im Zuge der Rituale, die dieses Mysterium begleiten, machen sich die Menschen ein Bild - besonders von dem, was an die Verstorbenen erinnern soll.

Entsprechend entstand und entsteht rund um den Tod und das Sterben oft Kunstvolles. Im 19. Jahrhundert wurden aufwendige Miniatur-Grabstätten aus Haaren gefertigt. Wie ein kleiner Schrein stellt beispielsweise ein in Kassel zu sehendes Exemplar einen friedvollen mit Trauerweiden bewachsenen Hain dar, in dessen Schatten ein detailreich gestaltetes Grab liegt.

Sieht man die Miniaturen oder Schmuckstücke aus diesem zutiefst persönlichen Material vor sich, wird sofort eine Nähe spürbar. Mehr noch als ein Bild, ein Blumenkranz oder ein beschriebener Stein vermitteln diese Kunstwerke eine Verbindung zum Menschen.


Doch es geht noch näher. Auch die Schädel der Toten wurden als Erinnerungsobjekte hergerichtet. Anlass war zunächst ein ganz pragmatischer: Waren die Friedhöfe voll, wurden die Überreste der Verstorbenen in Beinhäuser überführt. Dabei entwickelte sich, mit ersten Belegen aus dem 18. Jahrhundert, die Praktik, die Schädel zu bemalen. Name, Todesdatum und Sinnsprüche fanden unter anderem mit Ornamenten verziert Platz auf dem Schädel.


Abgesehen von den Beinhäusern gilt der Friedhof selbst natürlich als Inbegriff eines Totenortes. Dabei ist faszinierend, wie sich dieser Ort im Laufe der Zeiten gewandelt hat.

Moosbewachsene, verwitterte Grabsteine und graue Statuen, die im Zwielicht aus dem Nebel ragen: Die düstere, für manche melancholisch-romantische Vorstellung vom Friedhof par excellence. Doch im Barock, einer Zeit in der Leben und Tod sehr nah beisammen zelebriert wurden, ist der Friedhof bunt. Die Gruften sind mit vielen Farben bemalt und zeugen von einem so anderen Umgang mit der Totenwelt als das uns eher vertraute Schwarz und Grau.

Das ausgehende 18. und darauf folgende 19. Jahrhundert bringen dann wieder einen anderen Anspruch mit sich. Die Farben verblassen, Romantik und Naturnähe ziehen ein. Friedhöfe werden zu Parkanlagen und damit zu Orten, an denen auch das Leben lustwandelt. Über dem Friedhofstor einer der ersten weltlichen Begräbnisanlagen in Dessau steht darum sehr passend: “Tod ist nicht Tod, ist nur Veredelung sterblicher Natur”.


Wenn uns der Tod heute befremdlich erscheint, weil wir länger, oft medizinisch besser versorgt leben als noch vor einigen Jahrhunderten und er aus unserem Alltag in sterile Umgebungen ausgelagert wird, dann kann ein Blick in andere Traditionen bereichernd sein. Sie zeigen, dass zum Weg auch immer das Ende gehört und wie stark dieser Fakt Kultur und eben das Leben geprägt hat und weiterhin prägt. In historischen Museen, die uns einen Einblick in vergangene Zeiten geben, spielen Bestattungen und dazugehörige Rituale fast immer eine Rolle. Grabfunde geben manche Rätsel auf, erzählen aber auch einiges über die Menschen und ihre Sicht auf das Jenseits. Das Museum für Sepulkralkultur nimmt diesen Ausstellungsaspekt heraus, es fokussiert und sagt damit einmal mehr: "Seht her, der Tod ist ein Teil von uns!"