Heidelberg – Ruinenlust bei Sonnenschein



Wenn an einem frühen, im besten Fall sonnigen Morgen die Tür ins Schloss fällt und ich mit dem Rucksack auf dem Rücken auf dem Weg zum Bahnhof bin, dann merke ich erst: Es ist wieder soweit. “Du bist wieder unterwegs”, flüstert die Stimme im Hinterkopf und eine leise Wohligkeit breitet sich aus. Unterwegs - in eine andere Stadt, eine andere Landschaft. Es sind keine großen Sprünge, die ich dabei mache, aber erste Schritte, die von einem manchmal diffusen Gespür geleitet werden. Ich will entdecken und beginne damit knapp vor meiner Haustür - sowohl im Sinne örtlicher Nähe, als auch einer inneren, die von jenen Dingen geleitet wird, die mich faszinieren. Ich fühle mich buchstäblich hingezogen.

Mit diesem Drang bin ich die vergangenen beiden Jahre schon vereinzelt aufgebrochen, habe Städte erkundet, Museen besucht, habe Wälder durchstreift und Eindrücke aufgesaugt, so gut es ging. Waren die Füße einmal in Bewegung, schien sie so schnell nichts aufzuhalten. Es war oft mehr eine Hatz als ein Umsehen. Die Orte rasten an mir vorbei. Doch etwas in mir wusste, dass ich diese Erfahrung brauche - selbst, wenn es zu diesem Zeitpunkt eher ein Weglaufen war: Ich wollte in Gang kommen.

In 2021 besuchte ich so Bamberg, Nürnberg, Koblenz, die Burg Eltz und Worms in einer Tour, machte mich nochmal auf nach Lübeck, wanderte zu den Dornburger Schlössern und am Stausee Hohenwarte. Ich hatte berufsbedingt nur ein bestimmtes Zeitfenster zur Verfügung - ein rein praktischer Umstand, der mich auf die Tube drücken ließ.

Einige geplante Reiseziele habe ich in dem Jahr nicht geschafft. Also nahm ich sie mir für 2022 vor. Mit dabei: Heidelberg. Diesmal sollte mehr Ruhe rein kommen. Also nahm ich mir mehrere Tage vor, die ich in dieser Stadt am Neckar verbringen wollte. Und so war der Tag wieder gekommen: Die Tür fällt am frühen Morgen ins Schloss, mein Rucksack sitzt auf dem Rücken und ich mache mich auf zum Bahnhof. Ich bin wieder unterwegs.


Alte Gemäuer, Eintauchen in Geschichte, ein glitzernder Fluss, der zum Ruhe finden einlädt und grüne Ausblicke hoch über der Stadt: Das war meine innere Checkliste für die altehrwürdige Universitätsstadt und von allem konnte ich etwas mitnehmen.

Das Heidelberger Schloss ist natürlich die zentrale Anlaufstelle für Besucher*innen und so auch für mich. Der feuchte Traum eines jeden Romantikers im 19. Jahrhundert thront zwischen viel Grün auf dem Hang und blickt hinunter auf die geschäftige Stadt. Nachdem die Residenz im Dreißigjährigen Krieg von französischen Truppen zerstört wurde und auch im Jahrhundert darauf unter Blitzeinschlägen zu leiden hatte, wurden Mauerreste einfach liegen gelassen. Eine vielbesuchte charmante Ruine entstand. Dichter, Maler und Touristen erfreuen sich seit dem am gepflegten Verfall.


Das berühmte 220.000 Liter umfassende Weinfass im Schloss wird noch immer von Mundschenk und Hofnarr Perkeo bewacht, heute allerdings natürlich nur in Form einer Holzfigur. Wohlwollend beobachtet er jede*n Besucher*in, die oder der die seitlich angebrachten Stufen hinaufsteigt.

Das Deutsche Apotheken-Museum, ebenfalls auf dem Gelände des Schlosses zu finden, nimmt mich mit in die Geschichte der sorgfältig geordneten Tinkturen und Pulverchen. Was als heilsam galt, wandelte sich natürlich im Laufe der Zeit. Auch ein Funken Glaube durfte in manchen Rezepten nicht fehlen, wenn beispielsweise Hörner von vermeintlichen Einhörnern oder Mumienbestandteile zu Arznei verarbeitet wurden - von bestimmten, noch immer beliebten Zuckerkugeln ganz zu schweigen. Es ist ein faszinierender Ort, der zum einen zeigt, wie reichhaltig unsere Natur ist und zum anderen einen Einblick in eine Profession gibt, die diese Reichhaltigkeit nutzbar machen will.


Noch eine Weile schlendere ich nach dem Schlossbesuch durch den angrenzenden Park, die Ruine und die tief unten liegende Stadt im Blick. Wie schlafend liegen wuchtige Turmtrümmer im Schlossgraben - als wären sie gerade erst gefallen und würden doch altersweise den Weg in eine längst vergangene Zeit weisen. Die freistehenden hohen Mauerreste auf der anderen Seite des Schlosses tun es ihnen gleich. Wie abgestorbene, skelettierte Körperteile ragen sie aus dem intakten Teil des Gebäudes hervor. Das Schloss ist gezeichnet von der Geschichte, von Zerstörung und Aufbau. Stolz geht es mit seinen Narben um und hat dabei nichts an Erhabenheit eingebüßt.

Perspektivwechsel tags darauf: Die alten Gemäuer waren nun also erkundet. Jetzt galt es, die grünen Ausblicke zu finden. Nachdem ich mit dem Brückenaffen an der Alten Brücke gefrühstückt hatte, stieg ich auf der anderen Seite des Flusses hinauf zum Philosophenweg. Ein schmaler, geschwungener Pfad führt den Hügel hinauf, der nicht umsonst “Schlangenweg” genannt wird. Umschlossen wird er im ersten Abschnitt von hohen, schattigen Mauern. Für einen Moment fühlt es sich so an, als hätte man einen Gang in die Anderswelt gefunden. Oben angekommen trat ich aus dem Schatten heraus in die Sonne des Südhangs. Es war ein Morgen wie aus dem Bilderbuch: Sonnenstrahlen fielen durch helles Grün, Blumen in allen Formen und Farben luden Insekten zum Frühstück ein - sowohl am Wegesrand, als auch im Philosophengärtchen. Dieses subtropisch bepflanzte Plateau, auf das man recht bald stößt, lässt gleich ein mediterranes Flair aufkommen, das wunderbar zu diesem sommerlichen Morgen passte.

Unweit des Gärtchens findet man dem Weg weiter folgend den Bismarckturm. Der steinerne Wächter ist umgeben von verwunschenem Grün. Greise, bemooste Bäume und waldige Schatten führen mich in die Eichendorffanlage - Ein Kleinod, das dem berühmten romantischen Dichter gewidmet ist. Er studierte seinerzeit in Heidelberg. Bestimmt hatte auch Eichendorff seine Freude am Blick auf die Ruine des Schlosses, die man vom Philosophenweg aus gut sehen kann. Bis ich dann schließlich den Schlangenweg und damit durch das “Weltenportal” wieder hinabsteige, nehme auch ich den Ausblick auf das Schloss noch ein paar Mal in mich auf.


Nach knapp drei Tagen geht meine Reise zu Ende. Auf dem Weg zum Bahnhof sage ich noch einmal dem Neckar auf Wiedersehen. Sein Ufer hat mich jeden Tag begleitet. Hier habe ich morgens gefrühstückt oder einfach nur auf die glitzernden Wellen geblickt, wenn mir danach war.

Wieder ist der Morgen sonnig und mild. Der Rucksack sitzt wieder auf dem Rücken. Doch diesmal geht es zurück nach Hause, mit den Eindrücken aus der Romantikerstadt und einer halben Kurfürstenkugel* im Gepäck. Es tat doch gut, sich Zeit zu nehmen, denke ich, während ich im Zug sitze. So blieb Luft zum Nachdenken, Ausruhen, in der Sonne sitzen und für den ein oder anderen Umweg durch Heidelbergs romantische Gassen.


Außerdem…

  • Einen breitgefächerten Einblick in die Geschichte der Gegend bietet das Kurpfälzische Museum - von der Steinzeit über die römischen Einflüsse bis zum kurfürstlichen Leben und vielem mehr.


  • Premiere für mich: Körperwelten. Ich hatte vorher noch nie eine Körperwelten-Ausstellung besucht und habe hier die Gelegenheit genutzt. Das Echte schafft Nähe. In diesem Fall zu den Präparaten und auch zu sich selbst. Der Fokus der Ausstellung liegt auf der Wahrnehmung unserer Gefühle und Bedürfnisse. Es geht nochmal näher. Dabei ist die Kunstfertigkeit mit der die Präparate angefertigt und in Szene gesetzt werden schon beeindruckend.


  • * Be prepared for the Kurfürstenkugel! Bei einer Heidelberger Bäckerei werden diese massiven Süßigkeiten im Schaufenster angepriesen. Marzipan, Schaumkussfüllung und Nougat treffen bei diesem traditionellen Heidelberger Dessert aus dem 19. Jahrhundert aufeinander. Nein, ich habe sie nicht mit einem Mal geschafft.